Gerechtigkeit (1): Das Geburtsrecht im 21. Jahrhundert

Dieser Beitrag ist der erste einer Artikelreihe, die sich die Darstellung verschiedener Dimensionen von (Un)Gerechtigkeit zur Aufgabe gemacht hat.

Das Geburtsrecht ist ein Überbleibsel der Ständegesellschaft, in der man entweder als Adeliger oder als Bauer und Handwerker geboren wurde, wie jemandes Vater und Großvater. Die Geburt war ein Urteil fürs Leben und je nach Stand, entweder eine enorme Bürde oder ein Lottogewinn.

Das Bild des Lottogewinns ist ganz bewusst gewählt, denn die 1 bis 2% Adeligen und ein paar Geistliche bezogen ihren Wohlstand aus der Unterdrückung der vielen anderen.

Man könnte, man möchte glauben, dass sowas längst der Geschichte angehört. Leider ist es anders.

Mit dem Begriff Geburtsrecht assoziiert man das Gegenkonzept in der Deutschen Geschichte mit Blut und Boden, d.h. ein Zugezogener Mensch ist kein Deutscher und wird nie einer sein können, genau wie seine Kinder und Kindeskinder. Die Rechte begründete die Zugehörigkeit zu einem in 1871 endgültig gegründeten Nationalstaat durch Anbringung kultureller und „rassischer“ Kriterien, die angeblich Jahrtausende zurückzuverfolgen seien. Mit der Änderung des Staatsbürgerrechts unter der Rot-Grünen Bundesregierung, wurde ein Weg, weg von diesen völkischen Staatsbürgerrechten eingeschlagen, der hoffentlich weitergeführt wird.

Das ist aber nicht Gegenstand dieses Artikels. Die folgenden Zeilen handeln von einem Geburtsrecht, das implizit gegeben ist, denn kein Gesetz veranlasst es. Es sind Ungerechtigkeiten, unterschiedliche Maßstäbe, die in unseren Köpfen und im Alltag präsent sind und die Leben vieler Menschen beeinträchtigen.

Wo kommst du denn her?

Wer kennt sie nicht? Berichte von Menschen, die aufgrund ihres Aussehens als „nicht Deutsche“ wahrgenommen werden, es aber sind, nicht „nur“ durch den Pass, sondern von Geburt an. Sie erzählen oft von Fragen nach ihrer Herkunft, die hartnäckige Nachfragen und einen kurzen Trip entlang eigener Stammbäume nach sich ziehen und erst dann enden, wenn der Vorfahre gefunden ist, der eingewandert ist. Seine Herkunft wird dann mit der seines Nachfahren gleichgesetzt, egal ob er hochtrabendes Beamtendeutsch spricht und für sein Leben gern Spargel isst und Müll trennt, seine Persönlichkeit wird auf etwas Reduziert, was von außen auf ihn projetziert wird. Menschen mit einem gewissen Aussehen oder Namen, haben im Arbeitsmarkt schlechtere Karten als diejenigen, die zufälligerweise nicht oder weniger von einer imaginierten „Normalität“ abweichen. Das hat nichts mit Leistung, Qualifikation usw. zu tun, sondern nur mit einem Merkmal, den man sich nicht aussuchen kann.

Ähnlich ergeht es den Frauen. Obwohl in Deutschland die geschlechterspezifische Bildungsungerechtigkeit überwunden scheint, Frauen studieren sogar häufiger als Männer, schlägt die Ungleichbehandlung voll zu, sobald es ums Kinder kriegen und betreuen geht. Die Einkommensdifferenz zu Beginn des Arbeitslebens, ist zwischen Männern und Frauen praktisch 0. Dann aber kommt ein Knick für Frauen nach unten, während das Lohnniveau der Männer durchschnittlich weiter munter steigt, teilweise sogar schneller. Es entsteht die sog. Gender-Pay-Gap aufgrund einer Gläsernen Decke für Mütter, die sich aufgrund veralteter Gesetze konsolidiert anstatt durchbrochen zu werden. Dabei ließe sich das einfach beheben, wie ein Blick nach Skandinavien zeigt. Paritätische Elternzeitansprüche, Kita- und Krippenausbau, sowie Erleichterungen für Teilzeitarbeit für Männer, zeigen Wirkung und verbessern nebenbei das Betriebs- und Familienklima.

Bildungsrepublik Deutschland

Die oben genannten und weitere Ungerechtigkeiten, spiegeln sich allesamt im deutschen Bildungssystem. Kinder aus sog. bildungsfernen Familien bleiben schneller auf der Strecke, weil sie zuhause keine*r um die Erledigung der Hausaufgaben kümmert. Wenn die Eltern nicht studiert haben, ist die Chance, selbst auf das Gymnasium überwiesen zu werden, deutlich geringer als für Akademikerkinder. Die Schulinfrastruktur ist in ärmeren Vierteln oft schlechter als in wohlhabenderen, der Lehrkraftmangel größer genau wie die Klassen, wo der individuelle Förderbedarf im Massen-Frontalunterricht meist untergeht. All diese Punkte betreffen besonders Kinder von Einwanderern, die oft durch die Trennung in Mittel-, Realschule und Gymnasium in die eine, „naheliegende“ Klassifizierung fallen. So wird die moderne „Ständegesellschaft“ perpetuiert und bestehende Ungerechtigkeiten zu vermeintlichen Naturgesetzen erkoren.

Und bislang wurde der Blick nur ins Inland gerichtet. Die weit größeren Zerwürfnisse der modernen „Ständegesellschaft“ sind globalen Ursprungs. Das globale Machtgefälle begünstigt Kriege, führt zu Umweltzerstörung, Menschenrechtsverletzungen und Flucht. De Geflüchteten, die es bis zu uns schaffen, werden oft als Problemursache verstanden und sind doch nur die Folge unserer massenhaften Problemproduktion. Aber um diese Ebene der Ungerechtigkeiten zu erfassen, braucht es einen eigenen Artikel.

Die Lehre aus diesem Ersten kann sein: ungerechte Strukturen sind keine unumstößlichen Naturgesetze. Sie können und müssen konsequent erkannt und ausgeräumt werden.

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