Gerechtigkeit (2): Die Pyramide

Im zweiten Artikel der Reihe, werden i.bs. die globalen (Un)Gerechtigkeitsverhältnisse durchleuchtet.

Wahrscheinlich glauben die meisten, dass die Erde eine Kugel ist. Schon die alten Griechen wussten es, da Vinci und Galilei haben es trotz einer damals im Vergleich zu heute unwesentlich mächtigeren katholischen Kirche auch bekräftigt. Wer im Strandurlaub auf den gekrümmten Horizont schaut fühlt sich in dieser Annahme bestätigt genau wie alle, die wie ich einen Globus in der Wohnung haben. Obwohl manche noch hartnäckig am Glauben festhalten, die Erde sei eine Scheibe, ist dieses Thema für alle nicht- Aluhüte spätestens seit uns Bilder der Erde aus der ISS (internationale Raumstation) erreicht haben, wissenschaftlich abgehandelt und keine weitere Diskussion wert.

Nun heißt dieser Artikel nicht „die Kugel“ oder „der Ball“, sondern „die Pyramide“. Angesichts der Einleitung und dem Titel, die eindeutig nicht übereinstimmen können, fragen sich sicherlich viele Leser*innen: Wird er ernsthaft behaupten, die Erde sei keine Kugel? Die Antwort lautet JA! Mit diesem Punkt ist nun die Glaubwürdigkeit des Autors völlig gesprengt, die meisten werden hier aufhören zu lesen und wer würde es ihnen verdenken. In Zeiten von Wissenskonsum im Breaking-News Format, kann man sich nicht mit Hirngespinsten auseinandersetzen, die sich nicht schon nach den ersten 3 Sätzen komplett entblößt, offenbart und sich dem Spott der digitalen, meist aufgeregten Öffentlichkeit ausgesetzt haben. Ich verstehe das…

Zur Beruhigung der Tapferen, die es noch bis hier geschafft haben; vielleicht ist die Pyramide auch nur eine Metapher, die besser als jede andere geometrische Form beschreibt, welch ein Verhältnis zwischen Menschen, Ländern, ihren politischen, kulturellen, ökonomischen oder ökologischen Möglichkeiten auf diesem Planeten vorherrschen.

Von Sklaven errichtet

Die Pyramiden im antiken Ägypten waren Symbole totalitärer Herrschaft und der Zwangsarbeit. Die heutige Weltwirtschaft ist auch auf die Bedürfnisse weniger Privilegierter ausgerichtet, die an der Spitze thronen und sich meist im Norden des Globus konzentrieren. Sie nutzen billige Arbeitskräfte im bevölkerungsreichen globalen Süden, sie plündern deren Naturschätze und Rohstoffe. All das am Rande der Weltöffentlichkeit. Denn eine weitere Folge ökonomischer Machtkonzentration in wenigen Weltmetropolen ist, dass die mediale Aufmerksamkeit sich auf diese ökonomischen, politischen und kulturellen Zentren richtet, während kaum über die Peripherien berichtet wird. In Südamerika, Afrika oder Südasien kennen die meisten Menschen sicherlich mehr US-Amerikanische Filme als heimische, wenn dort Präsidentschaftswahlen sind, schaut die ganze Welt in die USA, während in Afrika fast unbemerkt Herrscher sterben oder sich an die Macht putschen. Diese traurige Gewissheit ermöglicht es erst den EU-Staaten, durch „strategische Partnerschaften“ mit Diktaturen Nordafrikas, die Flüchtlinge von den eigenen Grenzen und somit der kritischen Öffentlichkeit fern zu halten.

Es wird oft behauptet, durch die Globalisierung sei die Welt kleiner geworden, enger gerückt. Das mag wohl stimmen, was die Erreichbarkeit der Weltregionen betrifft, die Interaktion zwischen diesen Regionen aber ist ebenso asymmetrisch wie der ökonomische Nutzen durch die Globalisierung. Im globalen Norden, an der Spitze der Pyramide ist alles eng, nah beieinander und vernetzt. In Europa sehen wir US-Fernsehen, in China liest man finantial times, die Nachrichtenagenturen sind transatlantisch vernetzt und die Flugverbindungen von Finanzzentrum zu Finanzzentrum werden fast stündlich angeboten. Die Black lives matter Proteste in den USA haben uns in Europa mitgerissen und wir haben zu tausenden demonstriert. Ich selbst war in München einer von 25.000 nach dem Mord an George Floyd, der demonstrieren ging. Für den demokratischen Widerstand in Myanmar oder Thailand, für die Oppositionellen in Hongkong oder die Uiguren, für die ermordeten Indigenen durch Bolsonaros Brandstifter und Auftragsmörder, gehen vielleicht ein paar Dutzend auf die Straße, weil sie einen direkten Bezug zur jeweiligen Region haben. Wir solidarisieren und identifizieren uns nicht gleichermaßen mit diesen Gruppierungen auf der Welt, obwohl sie oft für das gleiche Ziel einstehen.

Bedürfnispyramide

In dieser unserer Welt stecken also mehrere, die sich kaum miteinander vergleichen lassen. Die von uns geschaffenen Strukturen des Welthandels verstärken die bestehenden Ungleichverteilungen enorm, sodass eine ökonomische Übermacht gewisser Länder auch zu einer politischen führt. Das blockiert beispielsweise effektiven globalen Klimaschutz, weil die ökonomischen Profiteure der Fossilwirtschaft, auch politisch hegemonial sind.

Die Machtstrukturen ermöglichen es einer kleinen Gruppe, all ihre tatsächlichen und vermeintlichen Bedürfnisse zu stillen, nicht zuletzt auf Kosten der anderen. Sähe man die Welt als Maslowsche Bedürfnispyramide, ergäben sich die Parallelen schlagartig. Die Grundbedürfnisse biologischer Art, die ein Überleben sichern sind für fast alle gegeben. Dennoch hungern immer noch 820 Mio. Menschen jedes Jahr. Je anspruchsvoller das Bedürfnis im Maslowschen Modell, desto weniger Erdenbewohner*innen können diesen erfüllen. Soziale und politische Sicherheit ist z.B. in Ländern wie China, Eritrea, Nordkorea oder Saudi-Arabien nicht gegeben, obwohl die ökonomische Sicherheit für die Meisten gewährleistet ist. Schließlich ist eine möglichst freie Persönlichkeitsentfaltung in den seltensten Fällen möglich, wo die politischen, ökonomischen, sozialen und familiären Rahmenbedingungen optimal auf das Individuum eingestellt sind.

Fazit

Die globalen Ungerechtigkeiten, die hier nicht ausschöpfend behandelt werden konnten, sind sehr stark miteinander verflochten. Eine Imbalance bedingt eine weitere und diese wiederum eine nächste. Um das Problem an der Wurzel anzupacken, braucht es ein möglichst gleichberechtigtes Mitspracherecht aller Weltregionen auf diplomatischem Parkett und viel Dialog, um möglichst einer Weltempathie näher kommen zu können.

Was man aus dieser Situation lernen kann: die Welt und v.a. die Menschheit sind so stark miteinander verbunden, dass eine Lösung von Ungerechtigkeiten, niemals losgelöst von sie umgebenden Kontexten geschehen kann. Es bedarf ganzheitlicher Perspektiven, um Ungerechtigkeitszusammenhänge zu durchdringen und zu beenden.

Quellen

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