Was wäre wenn? Diskussion als Mehrwert gesehen würde?

Wie oft hört man in den Medien: „Parteien streiten sich über …“? Die stets damit verbundene Deutung dieser Situation ist negativ. Der Streit wird marginalisiert, die Wähler*innen bestrafen ihn (siehe SPD) und so wird es immer mehr zum obersten Ziel jeder Parteiführung, Streit innerparteilich zu vermeiden und anderen Parteien gegenüber nur dann gezielt zu forcieren, wenn es wahltaktisch gewinnbringend erscheint.

Regelmäßig und zivilisiert zu streiten, ist aber ein wesentlicher Bestandteil einer lebendigen Öffentlichkeit und will gelernt werden. Durch den Deutschen Stabilitätsfetischismus ist uns die Fähigkeit zu streiten ohne uns zu beleidigen abhanden gekommen. Nur so konnte ein entpolitisierender Führungsstil à la Merkel dermaßen erfolgreich und beliebt sein. Die Gefahren einer solchen Kommunikationsweise liegen auf der Hand: fehlende Transparenz, eine Wahrnehmung von technokratischer d.h. bürger*innenfernen Entscheidungen. Das alles reduziert das Interesse an der Politik und damit natürlich auch das Kritikpotential, wenn kontroverse Entscheidungen getroffen werden.

Die Angst vor Kontroverse und gesellschaftlicher Spaltung ist in Deutschland aufgrund der Geschichte sehr präsent. Der Untergang der Weimarer Republik wird fast einhellig auf diese Zersplitterung zurückgeführt. Als Gegenentwurf dazu, versuchten sich daher die sog. Volksparteien in der BRD zu etablieren, was durchaus positiv aufgenommen wurde.

Diese Diagnose unterliegt allerdings einem Trugschluss, nämlich dass die Kontroverse die Spaltung bedingt und die Republik geschwächt hat. Dabei war es das Unvermögen, mit der Kontroverse umzugehen, eine Unfähigkeit zum Kompromiss ohne zu glauben, seine Ideale aufgeben zu müssen. Das Zauberwort hierfür lautet Ambiguitätstoleranz. Sie beschreibt die Fähigkeit nicht nur das Andere hinzunehmen und dessen Existenzberechtigung anzuerkennen, sondern auch zu akzeptieren, dass Widersprüche bestehen bleiben. In einer pluralistischen Gesellschaft wie der unseren, gleicht dieser einfache Grundsatz einer Superkraft. Dialektisches Denken und Diskutieren wird zum raren Gut einer gesellschaftlichen Wirklichkeit, die von Echokammerbildung und gegenseitigen Vorwürfen geprägt ist.

Die Erkenntnis daraus bedeutet, dass ein bewusst geführter, respektvoller Streit dem zersetzenden und polarisierenden Streit entgegenwirken kann, wenn man diesen praktiziert. Rechtsautoritäre Strategien, sind darauf aus, sich die Diskussionsunfähigkeit zunutze zu machen, um durch Provokation ihre Form des Dialoges durchzusetzen, die unter dem Prinzip: wer lauter schreit gewinnt, subsummiert werden könnte.

Schulen sollten diese Form dialektischer Debattenkultur einüben, die Diskussionen im Parlament sollten ein Abbild der Diskussionen in den Kneipen, auf den Straßen, in Betrieben und Universitäten sein. Wer miteinander und nicht gegeneinander spricht, muss nicht immer einer Meinung sein, aber kann besser nachvollziehen, wieso der Andere anders denkt. Die Empathie für den Andersdenkenden zu pflegen, ist Teil eines liberaldemokratischen Selbstbewusstseins, welches die demokratischen Institutionen stärkt. Mehr Diskussion, mehr Beteiligung und Austausch zwischen Bürger*innen sowie zwischen der Bevölkerung und ihren Vertreter*innen bilden die Mixtur für einen Gallischen Zaubertrank, der die Demokratie resilienter macht.

Während dieser Text verfasst wird, sitzt der Autor in einem Zug und wünschte sich, die Bahn würde Abteile für Diskussionen thematisch untergliedern.

Literaturhinweise:

Das Buch „zivilisierte Verachtung“ von Carlo Strenger … ist ein spannender Essay zum Thema Diskussionskultur und politischer Kommunikation. Obwohl ich mit einigen Punkten inhaltlich nicht übereinstimme, eröffnet eine dialektische Betrachtung mancher Glaubenssätze die Möglichkeit für eine kritische Selbstreflexion.

Ambiguitätstoleranz von …

Dialektik: Video von Florian Schröder bei Anti-Coronademo in Studtgart

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