Religiös unmusikalisch

Gedanken zu Religion und ihrer Funktion in der Gesellschaft

Ich bin ein kritischer Mensch. Es gefällt mir Dinge zu hinterfragen; nach dem Vorbild der Ideale der Aufklärung durch die Welt zu gehen. Daher ist es naheliegend, dass ich schon immer meine Probleme mit Religionen hatte. Die bedingungslose Unterwerfung, der unhinterfragende Glaube, der einem abverlangt wird; das war und bin ich nicht bereit zu geben.

Denn ich kann nicht über den Umstand hinwegsehen, dass Religionen gesellschaftliche Konstrukte, also von Menschen für Menschen gemacht sind und nicht wie von ihnen behauptet, von etwas Göttlichem, was somit unangreifbar und vollkommen wäre. Religionen und deren Vertreter können sich irren, wie jeder und jede andere auch. Aber genau das, gibt keine Religion zu.

Wenn Gott uns nach seinem Ebenbild erschaffen hat, entsteht ein Dilemma, denn entweder sind wir ebenso vollkommen wie er, was wir sofort ausschließen könnten, oder er ist fehlbar wie wir. Würden sich die Weltreligionen das zugestehen, wären einige Folgeprobleme gelöst oder zumindest entschärft. Das passiert aber nicht, weil Religionen v.a. eine soziale Funktion einnehmen. Sie sind dazu da, das Zusammenleben der Menschen zu regeln, wie eine Ethik. Also dürfen die Vorbilder der jeweiligen Religion niemals zu viele Fehler machen, um den Menschen diese nicht zuzugestehen.

Diese Funktion als frühe Form der Ethik, als soziales Gewissen einer kapitalistischen Ellenbogengesellschaft, sind in meinen Augen die Aspekte, die man den Religionen zugute halten kann und soll.

Als Habermasianer als den ich mich gerne bezeichne, ist mir das letzte Buch von Jürgen Habermas nicht entgangen. Dort spricht er über „die Genealogie des nachmetaphysischen Zeitalters“ und aktualisiert seine einst totalablehnende Haltung gegenüber der Religion. Ich merke, dass ich das auch tue. Meine lebenslange Auseinandersetzung mit dem Glauben unterliegt einem ständigen Wandel und folgt keinem Gesetz oder Ideologie. In dieser Auseinandersetzung erkenne ich, dass ich „religiös unmusikalisch“ bin, um mal ausnahmsweise Max Weber beizupflichten.   

Was bedeutet das? Nun, zu aller erst, dass ich selten ein Bedürfnis nach göttlichem Beistand verspüre und/oder das Vorhandensein dieses Bedürfnisses bei anderen kaum nachvollziehen kann. Ich bewundere zwar Menschen, die sich einem Glauben und ihrer Lehre offen hingeben können und die Zweifel überwinden, andererseits ist das Zweifeln meine größte Stärke und meiner Überzeugung nach die größte Stärke der Menschheit. Nun könnte man das leicht als zu naiv an der Aufklärung orientierte Weltsicht kritisieren, aber ich stehe dazu. Für mich ist nicht wie bei Marx und Engels Geschichte ein Produkt von Kämpfen, sondern wird von Zweifeln angetrieben, von denjenigen, die es wagen, die vorherrschende Ordnung zu hinterfragen.

Die vorherrschende Ordnung in Europa war über etwa 1 Jahrtausend lang die Theokratie und später ein monarchischer Absolutismus, der sich gut und gerne auf die Mitwirkung des Klerus berufen konnte. Die dominierende Religion in Europa, auf die sich meine Gedanken konzentrieren, weil sie die relevanteste gesellschaftliche Rolle hier spielt und ich ihr auch (unfreiwillig) anhänge, hat in ihrer 2.000 jährigen Geschichte einen Prozess durchlaufen, den jede größere Religion durchläuft, eine Verweltlichung.

Religiöse Politisierung

Unter Verweltlichung verstehe ich eine Institutionalisierung, eine Bürokratisierung und eine Politisierung der jeweiligen Religion. Obwohl diesen Prozessen für sich genommen, wenig vorzuwerfen ist, folgt daraus ein anderer Aspekt, der für mich, die Glaubwürdigkeit einer Religion grundlegend erschüttert. Mit wachsender politischer Macht wird z.B. die Kirche zu einem weltlichen Akteur der weltliche Entscheidungen trifft. So werden Gewinne möglichst maximiert, einseitige Entscheidungen je nach politischer Lage gefällt und Machtinteressen plötzlich relevanter als das eigentliche Kerngeschäft einer Religion, die Seelsorge, die ethische Lehre. Einer rein am seelischen Wohl der Welt gelegenen Glaubensgemeinschaft unterlaufen Dinge wie Inquisition, Kreuzzüge oder Fürst-Bisstümer nicht so einfach.

Darüber hinaus liegt in den monotheistischen Weltreligionen ein Konstruktionsfehler, der sich v.a. politisch in der Geschichte und noch heute sehr negativ äußert, der Alleinvertretungsanspruch. „Du sollst nur einen Gott haben!“ ist da noch harmlos. Der Glaube die einzige richtige Lösung auf die Frage nach einem gottgenehmen Leben zu haben schafft wie andere radikale und autoritäre politische Ideologien eine klassische Freund-Feind Unterscheidung. Wir sind die Auserwählten und guten und müssen den Rest entweder bekehren und missionieren oder bekämpfen, weil er uns bedroht und damit einen göttlichen Auftrag. Ein gefundenes Fressen für politische Machthaber, die Kriege vom Zaun brechen oder einfach ihre Macht ausbauen wollen. Religion wird und wurde dadurch so oft zu einem Machtinstrument der Herrscher und trug viel Leid und Zerstörung über die Welt anstatt ihren ursprünglichen Auftrag eines geregelten und friedlichen Miteinanders zu befördern.

Eine Selbstreflexion würde der Kirche sicherlich nicht schaden. Dabei zu erkennen, dass Widersprüche auch in einer göttlichen Ordnung kein Weltuntergang sein müssen, hilft sicherlich auch. Ambiguitätstoleranz lautet hier das Zauberwort, denn eine Kirche, die soziale „Volkspartei“ sein muss wird Kontroversen ertragen müssen. Vielleicht liegt genau hier eine Stärke einer demokratischen Kirche: In der Art und Weise, wie man diskutiert, wie man Konflikte löst und seine Mitmenschen behandelt.

Grundsätzlich ließen sich viele Streitigkeiten zwischen den Weltreligionen meiner Ansicht nach ausräumen, weil sie sich alle ähneln. Ich unterscheide Religionen in eine Religionslehre und eine Religionsethik. Während die Lehre jeder Religion durch die unterschiedlichen Schriften, Gleichnisse, Verse und Anekdoten gekennzeichnet ist, lassen sich die erzieherischen Komponenten, die Ethik auf einen gemeinsamen Kern bringen. Die 10 Gebote unterscheiden sich nicht maßgeblich von jüdischen oder muslimischen Verhaltensidealen, die alle einen Verzicht von Gewalt, Betrug sowie einen respektvollen und menschlichen Umgang miteinander predigen.

Wenn es einen Gott geben sollte, so bin ich der festen Überzeugung, dass er keine richterliche, uns übergeordnete Instanz ist, sondern ein Teil von uns, ein Pendant zum Freudschen „Überich“ könnte man sagen. Es gibt uns Antrieb und stiftet Sinn, gibt Halt und tröstet und das ist alles in uns. Damit will ich die menschliche Existenz keineswegs überhöhen, nichts läge mir ferner, aber die Widersprüchlichkeit menschlichen Handelns, einer Spezies, die zur Shoah und trotzdem zur Vergebung fähig ist, eine Menschheit, die Atombomben baut und einsetzt und trotzdem eine umfassende Menschenrechts-Charta verabschiedet. Diese zerrissenen Existenzen zwischen unermesslichem Hass und rührender Empathie sind wir. Wir entscheiden, was wir in uns mehren, pflegen und zum Vorschein bringen wollen. Die Freiheit aber auch die Qual der Entscheidung liegt ganz bei uns, wir können sie niemandem aufbürden auch keinem Gott. So verstehe ich das Göttliche als Selbstverpflichtung zur gewissenhaften Entscheidung, zum kantischen Leben nach dem kategorischen Imperativ und zur ständigen Selbsthinterfragung, ob man selbst mit dem eigenen Handeln gut leben kann oder nicht, statt den Zorn eines strafenden Gottes zu fürchten. Das war schon immer ein Mittel der Unterdrückung.

Aufklärung und Religion

Zurück zur Aufklärung, der ich meine religiöse Unmusikalität verdanke. Sie prägt die Trennung von Kirche und Staat, was ich vollstens unterstütze. Wir sehen welche dramatischen Folgen es haben kann wenn sich Religion in die Politik verirrt, gerade in Indien, Polen, den USA oder Brasilien und in den theokratischen Ländern Vorderasiens sowieso. Allerdings darf mit der Religion auch nicht die Moral oder die ethische Fundierung, unser Wertekanon verschwinden, denn er ist uns ein Kompass für politische und humanitäre Entscheidungen. Es ist wichtig, die positiven Dinge aus den Religionen hierfür heraus zu filtern und diese zu Richtlinien für persönliche Gewissensentscheidungen zu machen. Ich denke an Nächstenliebe, eine pazifistische Grundhaltung oder der besondere Blick auf die Schwächsten einer Gesellschaft. Das sind alles Güter, die im sozialdarwinistischen Kapitalismus unter Druck geraten und offensiv verteidigt werden müssen, um nicht zu verschwinden. Kein Staat sollte nach religiösen Gesichtspunkten entscheiden, sondern nach rechtlichen und ethischen, aber als Teil der Ethik, als die ich die Religionen sehe, sind sie eine Gewissensinstanz für viele.

Bei einem Punkt allerdings liegt die Aufklärung meiner Ansicht nach falsch. Sie bewertet Religion als antimodern, veraltet und irrational. Das sehe ich anders. Nun, es kommt darauf an, welchen Begriff von Rationalität man wählt, aber wenn man bereit ist das ökonomistische Verständnis von Rationalität als egoistischer Nutzenmaximierung aufzugeben, ist Religion durchaus ein Produkt der Rationalität. Mir scheint, dass mit jeder weiteren Entzauberung der Welt, diejenigen, die die Komplexität der Welt noch überblicken, eines überweltlichen, inneren Ausgleichs bedürfen, in dem eine ganz andere Gedankenlogik vorherrscht. Und diejenigen, die eine entzauberte Welt nicht verstehen, sehnen sich nach einer einfacheren Erklärung ihrer Existenz und ihres Lebenssinns, ohne viel wissen zu müssen. So gehen die Aufklärung und eine aufgeklärte Religion Hand in Hand und sind ein wesentlicher Bestandteil unseres zivilisatorischen Fortschrittes der Moderne.    

Religion ist ein Phänomen, ein menschliches Bedürfnis, das von Menschen für Menschen erfunden und am Leben gehalten wird. Und genau deshalb ist es nicht unfehlbar und enthält sowohl Potentiale als auch Gefahren. Aber eines steht fest, es ist ein Teil der Menschheitszivilisation und es bewegt sogar die religiös unmusikalischen unter uns.

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