Geschichte der Gretchenfragen

Die sogenannte Gretchenfrage gibt es in der uns bekannten Form spätestens seit dem Goethe‘schen Opus Magnum „Faust“. Damals lautete sie „Wie hältst du es mit der Religion?“ Diese Frage spaltete die Gesellschaft des ausgehenden 18. Jahrhunderts. Die Ideale der intellektuellen Aufklärer drangen immer weiter in das Bildungsbürgertum ein. Die Naturwissenschaften, die Forschung und das grundsätzlich Rationale erlebten einen ungeahnten Aufschwung und stellten Jahrhunderte alte Gewissheiten in Frage. Kurzum, die Kirche als moralische und gesellschaftlich prägende Instanz verlor ihr Machtmonopol. Faust ist das Spiegelbild dieser neuen Welt, der sich immer weiter vertiefenden wissenschaftlichen Disziplinen. Gretchen ist hingegen das Sinnbild der anderen Gruppe, die die durch die Aufklärung ausgelöste Bildungsrevolution noch nicht durchlaufen durfte. Für diese, meist im ländlichen Raum befindliche Gruppe war der Glaube an die kirchlichen Grundsätze noch immer das wichtigste Glied einer stabilen Gesellschaftsstruktur.

Gretchens Frage und vor Allem die Antwort offenbaren dementsprechend wo die Spaltung während dieses Zeitabschnittes verlief.

Der nächste Umbruch ließ nicht lange auf sich warten. Die Industrialisierung löste Umbrüche in Wirtschaft, Gesellschaft und Politik aus. Industriestädte wuchsen und das Leid ihrer Arbeiter auch. Mit den Dampfmaschinen hatten die Großindustriellen eine neue Methode gefunden, ihre Proletarier zu unterdrücken. Die verarmten Arbeiter brauchten noch ein paar Jahrzehnte, um sich effektiv zu organisieren und ihre Interessen erfolgreich durchzusetzen. Die passende Frage also lautete: Wie hältst du es mit der Gewerkschaft?

Fast gleichzeitig und stark von den Romantikern hervorgerufen verbreitete sich die Nationale Bewegung. Die Monarchie und die Kleinstaaterei des Heiligen Römischen Reiches-Deutscher Nation sollten der Vergangenheit angehören. Von der Einheit in einem gemeinsamen Staat versprachen sich die Anhänger auch ein Mehr an Freiheit und demokratischen Rechten. Die Frage der Stunde also war: Wie hältst du es mit der Republik?

Die Bemühungen der Märzrevolutionäre fanden jedoch ein baldiges Ende und das vereinte Deutschland schlidderte in den Obrigkeitsstaat. Bald begann es imperialistisch zu expandieren und die Nachbarn um sich zu beunruhigen. Die Konkurrenzen in Afrika und um Ressourcen wurden immer gravierender und es ergab sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Frage: Wie hältst du es mit dem Krieg? Leider war die Minderheit, die diese Frage mit der für uns heute richtigen Antwort beantwortet hätte zu machtlos gegenüber dem überhöhten Nationalismus. Wir wissen, wie stark Kriege die erste Hälfte dieses Jahrhunderts beeinflusst haben.

Nach dem Naziterror und den Trümmern des zweiten Weltkrieges begann der Wiederaufbau. Mit ihm kam die weltweite Blockbildung und der Kalte Krieg. Der Kampf der Systeme verursachte viel Leid in der Dritten Welt anhand von Stellvertreterkriegen, zerstörte ganze Inselgruppen bei radioaktiven Atomtests und teilte ein Kontinent und ein Land. Die allgegenwertige Endzeitstimmung durch tausende gegeneinander gerichtete Raketen und der Systemkampf prägten Generationen. Dabei polarisierte die Schutzmacht der BRD in besonderem Maße. Daher die angebrachte Frage: Wie stehst du zu den USA?

Mit dem Ende des Kalten Krieges setzte eine kurze Phase der vermeintlichen Entspannung ein. Diese wurde durch das Attentat vom 11. September aber blutig ausgesetzt. Einmarsch der NATO in Afghanistan und der zweite Irak-Krieg sowie die Bombardierung Libyens folgten und weitere Attentate stachen in das Herz der westlichen Welt. Die Aufmerksamkeit ganzer Gesellschaften liegt auf einer  Gruppe, die in der Debatte seitdem immerzu homogenisiert wird. Die Muslime.  Rechtsextreme und xenophobische Gruppierungen nutzen diese Situation, um gegen sie zu agitieren und entlang von Religion und ethnischer Zugehörigkeit Trennlinien zu ziehen. Es ist so weit gekommen, dass  regierende Minister in Deutschland öffentlich sagen, dass diese Menschen nicht zu diesem Land gehören und schließt somit auf einen Schlag mindestens 5 Millionen Mitglieder dieser Gesellschaft aus. Die häufigste Frage, die daraus resultiert ist: Wie hältst du es mit dem Islam?

Die humanitäre Aufgabe, die sich seit 2015 auch für die Staaten in Europa ergibt und an der sie bislang kläglich scheitern, nämlich die der Flüchtenden-Rettung und Versorgung, führt zu weiteren Fragen wie: Wie stehst du zu den Flüchtlingen? oder Was hältst du von den Seenotrettern?

All diese Fragen laufen auf eine, große Frage unserer Zeit hinaus. Wie stehst du zu den Menschenrechten und für wen sollen sie gelten?

Die Geschichte der Gretchenfragen lehrt uns, dass es nicht ungewöhnlich ist, wenn eine Gesellschaft sich in einer wichtigen, virulenten Frage nicht einig ist. Jeder hat ein Recht auf seine eigene Meinung und eigene Ansichten. Was eine Demokratie aber braucht und das kann man an der Deutschen Geschichte besonders gut erkennen, ist Dialog. Wenn eine Spaltung zu groß wird, entstehen unüberbrückbare Feindschaften; gewaltvolle Konflikte können entstehen oder eine Partei unterjocht werden. All das ist Gegenstand autokratischer und diktatorischer „Diplomatie“ aber gehört nicht in einen demokratischen Rechtsstaat. Gretchenfragen müssen nicht immer sofort gelöst werden, aber sie müssen immer gestellt werden können. Das ist das Wesen einer aufgeklärten Demokratie.

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