Die Woche, an der ich Patriot war

Der 4. September 2015 wird mir niemals aus dem Gedächtnis gehen. Ich hatte wenig vor, denn ich hatte Sommerferien. Mein Realschulabschluss hatte ich im vorrangegangenen Frühsommer einigermaßen erfolgreich erledigt und ich genoss die letzten Ruhetage vor meinem Übertritt ins Gymnasium. Der Sommer war ein bewegter gewesen. Jeden Tag neue Bilder, Meldungen, Berichte über gestrandete oder versunkene Flüchtlinge im Mittelmeer. Diese Bilder berührten mich tief und meine Trauer wurde immer mehr zu Wut auf die abwartenden Politiker in Berlin und Brüssel. Als sich nun immer mehr Menschen im Budapester Hauptbahnhof sammelten und „Germany“ in die Camaras riefen, ahnte ich, dass es nicht mehr lange so weiter gehen würde. Deshalb verfolgte ich den ganzen Tag über die Nachrichtenlage im Fernsehen und im Radio bis ich zufällig auf eine Pressekonferenz mit Angela Merkel stieß…

Sie beantwortete die Fragen der anwesenden Journalisten in ihrem typischen Beamtensprech, mit langen bürokratischen Sätzen. Aber dieses mal hang ich an ihren Lippen. Ich war selbst überrascht, dass ich es so lange aushielt, ihr zu zuhören. Dann fiel er, der sagenumwobene Satz, den sie wohl mehr als alles andere in ihrem Leben bereut: „Wir haben so vieles geschafft… Wir schaffen das!“ Es war ein Feuerwerk. Endlich blickte ich in das Gesicht der Kanzlerin, meiner Kanzlerin und war stolz. Die von mir so oft zuvor und danach kritisierte Dame war mir schlagartig so sympathisch, dass ich für eine Sekunde vergaß welcher Partei sie angehört und welche „tolle“ Schwesterpartei sie doch in Bayern hatte, meinem Wohnort, wo ich politisch nicht wirklich hinein passte.

Die Menschen kamen also, in Bussen und Zügen Richtung Österreichischer Grenze und weiter nach München. Was die Tagesschau dann vom Münchner Hauptbahnhof zeigte, war mir in Bayern völlig fremd. Ich dachte nicht, dass dieses Land in der Lage war „Fremde“ ohne viel Touristengeld freundlich aufzunehmen und warmherzig zu empfangen. Ich lebte meinen Traum. Bayern war weltoffen und ich war zum ersten mal stolz, Deutscher zu sein. In diesem Land wollte ich gerne leben und für ein solches Land würde ich auf die Straße gehen, Fahnen schwenken und Hymnen singen, denn es war paradiesisch. Damals mit 15 Jahren verstand ich was es bedeutet Patriot zu sein.

Wie alle wissen hielt das nicht besonders lange. Merkel wurde unter Druck gesetzt, von der besagten „tollen“ Schwesterpartei. Die Rhetorik wurde immer radikaler und auf den Spätsommer der Euphorie folgte der dunkle Herbst. Alles was ausländisch aussah wurde angezündet und alles was sich als Deutscher verstand marschierte und Brüllte in PEGIDA, BAGIDA und anderem Schwachsinn. Das waren traumatische Wochen für mich. All der Stolz auf mein Land und die Menschen verflog und ich war wieder der Oppositionelle, der linke Spinner und jetzt sogar ein „Gutmensch“. Ich hab dieses Schimpfwort nie verstanden. Ist es schlecht gut zu sein? Jedenfalls kippte die Stimmung endgültig nach der Kölner Silvesternacht und mein einstiges Traumland wurde immer brauner.

Der Prozess ist schleichend und fast unbemerkt, aber stetig. Asylpaket I, Asylpaket II, Aussetzung des Familiennachzuges, Ausweitung der „sicheren“ Herkunftsländer es war nichtmehr aufzuhalten. Die Einstellung gegenüber Geflüchteten wurde immer vorurteilsbehafteter und negativer. Der politische Opportunismus der Unionsparteien in vorauseilendem Gehorsam der rechten Revolte gegenüber, für alles „Undeutsche“ den Rechtsstaat auszusetzen, hat dieser Demokratie nachhaltig geschadet. Gut, dass weite Teile der Zivilgesellschaft im Kleinen durch Helferkreise und im Großen durch eindrucksvolle Demonstrationen gegen den Hass, wie #Unteilbar oder Ausgehetzt, der Union die rote Karte gezeigt haben und sie zumindest teilweise zum Umdenken bewogen haben.

Was mich betrifft: Die überschwänglichen Gefühle in dieser Woche und die darauf folgende maßlose Enttäuschung sind lange vergangen. Meine Einstellung zu meiner Staatsbürgerschaft hat sich etwas gewandelt. Heute sehe ich „Deutscher“ zu sein, als einen Auftrag, als die Verantwortung angesichts unserer Geschichte, Demokratie und Freiheit vor Antidemokraten zu verteidigen. Denn der Kampf um die Deutung unserer Identität hat gerade erst begonnen.

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