Gerechtigkeit (6): Gesellschaft – zwischen Gleichgültigkeit & Gerechtigkeit

Wie die Utopie Wirklichkeit werden lassen?

In diesem letzten Beitrag der Artikelreihe, stehen die unterschiedlichen Gerechtigkeitsvorstellungen im Mittelpunkt. Natürlich werden auch Aspekte der vorangegangenen Texte aufgegriffen.

Was passiert, wenn man einem Kind etwas Süßes gibt, dem anderen aber nur halb so viel? Die meisten werden sich an ihre eigene Kindheit zurückerinnern und viele von ihnen kommen wohl schnell zu dem Schluss, dass beiden Kindern in diesem Moment bewusst wäre, dass diese Verteilung ungerecht ist. Das Kind, das sich als benachteiligt sieht, würde wohl lautstark protestieren und eine Gleichbehandlung einfordern, darüber sind sich alle einig. Interessant aber ist, wie sich das Kind verhalten würde, das zufälligerweise von der Aufteilung profitierte. Es könnte 1. Den Mehranteil verstecken oder sich gegen die Forderung des anderen Kindes wehren oder 2. Etwas vom eigenen Mehranteil abgeben, um Parität herzustellen. Wir würden 1. Als klassisch egoistisches Verhalten deuten, während wir 2. Als altruistisch bzw. solidarisch honorieren.

Interessanterweise sind beide Verhaltensmuster bei Kleinkindern festzustellen, was nicht zuletzt den Zwiespalt unserer genetischen Herkunft aus den Primaten widerspiegelt. Die beiden uns am nächsten verwandten Menschenaffen sind die Schimpansen und die Bonobos. Während Schimpansen gemeinhin als egoistisch, aggressiv und hierarchisch organisiert gelten, wird bei den Matriarchalen Strukturen der Bonobos Solidarität großgeschrieben. Nun wäre es verkürzt, unser Verhalten auf das der Primaten zurückzuführen. Aber sie zeigen uns auf, wie differenziert Verhaltensweisen sich entwickeln und ergeben können.

Gerechtigkeitsempfinden

Wenn auch das privilegierte Kind aus dem obigen Beispiel, den 1. Weg wählt und nicht bereit ist, seinen Überschuss mit dem anderen zu teilen, es weiß, dass dieses Verhalten nicht gerecht ist. Ein vom strikten Egalitarismus losgelöstes Gerechtigkeitsempfinden, kann sich also nur allmählich in der Gesellschaft und in der Sozialisierung entwickeln. Im Erwachsenenalter vertreten schließlich die Wenigsten einen Egalitarismus, wie ihre Kinder. Kaum jemand fordert beispielsweise, dass alle gleich hoch besteuert werden, egal wie viel sie verdienen. Genau so wie kaum jemand fordert, dass der Lohn einer Reinigungskraft dem Lohn des Firmen-CEOs entsprechen muss.

Unsere Vorstellung von dem was gerecht ist oder nicht wird also um weitere Aspekte und Faktoren erweitert, die je nach Situation eine Rolle spielen. „Leistungsprinzip“ ist da ein gerne genutztes Stichwort. Es besagt, dass wer mehr leistet, mehr verdienen sollte. Im Gegenzug besagt das „Leistungsfähigkeitsprinzip“, dass wer mehr Verantwortung für die Gesellschaft tragen kann, diese auch tragen soll. Also verdient der, der mehr leistet mehr Geld, muss aber auch mehr Steuern zahlen. Bislang klingt das sehr vertraut und schön. Wer aber, kann Leistung wirklich definieren oder gar quantifizieren? Leistet der Manager wirklich das 200-Fache von dem, was die leiharbeitende Putzkraft im selben Betrieb leistet? Wieso verdient der Manager dann das 200-Fache? Ist das gerecht? Die Meinungen darüber, gehen auseinander und das ist gut. Denn über den richtigen Weg zu streiten ist ein Kernbestandteil unserer Demokratie. Es ist aber dennoch entscheidend, ein gemeinsames Bild oder zumindest einen Meinungskorredor von dem was gerecht ist zu finden, um demgemäß politische Entscheidungen treffen zu können.

Heribert Prantl hat in seiner Kolumne zum 1. Mai ein altgriechisches Gleichnis bemüht. Dort wurden Feldarbeiter pauschal mit einer Silbermünze am Tag entlohnt, egal ob sie 12, 4 oder 1 Stunde gearbeitet hatten. Daraufhin beschwerten sich diejenigen, die seit dem frühen Morgen ackerten und nicht akzeptierten, dass die anderen eben soviel Lohn erhalten sollten. Prantl nahm dieses Verhalten zum Anlass das gängige Muster des nach unten Tretens zu kritisieren und zu fragen, wieso diese Arbeiter nicht mehr Lohn forderten anstatt es ihren Mitarbeitern nicht zu gönnen.

Die Singularisierung des Schwachen, um ihn weiterhin auszubeuten. Diese Strategie funktioniert super im Neoliberalismus, kann aber als demokratiegefährdend angesehen werden. Wenn jede*r von uns zu einer Insel deklariert wird, die sich alles selbst erkämpfen muss und im Gegenzug keinem anderen Vertrauen kann, versiegt der demokratische Dialog. Dieser aber ist die Grundlage, um Solidarität und Empathie zu schaffen, ohne die Gerechtigkeit eine Utopie bleibt.

Eine möglichst austarierte Interessenartikulation ist das was heutzutage besonders fehlt. Das ist es, was Gewerkschaften eigentlich erreichen wollten, aber leider stark an Einfluss verlieren. Das meinte Prantl mit seinem Kommentar zum Tag der Arbeit.

Der Kuchen

Die Herstellung von Gerechtigkeit ist die zentrale Aufgabe des progressiven Lagers. Dabei eint alle Ebenen von Ungerechtigkeit eines: Egal ob es ökonomische, soziale, kulturelle oder identitätspolitische Ungleichheiten sind, sie alle drücken einen Verteilungskampf aus, der leicht zu Konfrontation führt. In wirtschaftspolitischen Dingen ist das naheliegend. Es geht darum wer wieviel für das öffentliche Leben beitragen soll, wer wie viel verdient oder wie sehr man für seine Lebensleistung honoriert wird. Diese Punkte sind alle monetär zu beantworten. Kurzgesagt, stehen sich 2 Positionen hierbei gegenüber: Manche sagen, der Kuchen muss gerechter verteilt werden. Andere sagen, der Kuchen muss größer werden, dann kommt es allen zugute. Der Mainstream der letzten Jahrzehnte vertrat eindeutig die zweite Meinung, mit der Folge, dass wir Klimakrise und gesellschaftliche wie globale Spaltung verschärft haben. Heute beginnt sich die Erkenntnis durchzusetzen, dass bislang diejenigen, die schon mehr hatten, den zusätzlichen Kuchen fast gänzlich für sich vereinnahmt haben und dass dieses Auseinanderdriften sogar für die Wirtschaftsleistung ein Problem darstellt. Ja, den Kuchen gerechter zu verteilen, hilft dabei ihn nachhaltig größer zu machen. Das ist doch eine tolle Nachricht. Sie muss sich nur noch bis in Regierungskreise rumsprechen.

Egal, ob der Kuchen als Metapher für Geld, Anerkennung, politischen Einfluss oder Grundrechte verwendet wird. Die Kuchenstücke so gerecht wie möglich zu verteilen ist eine Kraftanstrengung, die nur in einer lebendigen und selbstbewussten Demokratie geleistet werden kann.

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