Zugunglück bei Graniteville 2005, Quelle: US Environmental Protection Agency, gemeinfrei

Chronik: Die bedeutendsten Chemie-Unfälle der Geschichte

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Von Raphael B. Ebler -
für Cognito-Magazin.de -

Es ist der Albtraum vieler: In unmittelbarer Nähe kommt es zu einem Gasleck, tödliche Chemikalien treten aus einer Fabrik in die Luft, die man atmet, aus oder verseuchen Trinkwasser. Die Liste von Cehemie-Unfällen ist lang, auch in Deutschland. In einigen Fällen handelte es sich um den vorübergehenden Austritt giftiger Stoffe in Luft und Wasser. In anderen Fällen explodierten Tanks und Chemiewerkstätten und es kam zu großflächigen Zerstörungen der Umgebung.

Im folgenden eine kleine Chronik der bedeutendsten Chemieunfälle der letzten 100 Jahre. Die Chronik gibt einen Überblick über einige der verheerendsten Chemieunfälle. Immer wieder kommt es auf der ganzen Welt zu kleineren und größeren Unfällen. Häufig hält sich der Schaden für Mensch und Umwelt in Grenzen, in vielen Fällen wird jedoch auch das wahre Ausmaß vertuscht. Besonders in den Industriezentren Asiens ist die Verseuchung der Umwelt durch chemische Fabriken und Schwerindustrie an der Tagesordnung.

1921:

Das BASF-Werk Oppau nach der Explosion, Quelle: Popular Mechanics Magazine 1921, gemeinfrei

Das BASF-Werk Oppau nach der Explosion, Quelle: Popular Mechanics Magazine 1921, gemeinfrei

Bei der BASF in Ludwigshafen-Oppau kommt es zur Explosion eines Düngemittellagers. Die Explosion zerstört die gesamte Fabrik und einen Großteil der umliegenden Wohnhäuser. Auch im weiteren Umkreis richtet die Explosion große Schäden an. Die Wucht der Explosion war so gewaltig, dass die Druckwelle bis nach Heidelberg reicht und auch dort noch für Zerstörung und das Entgleisen einer Strassenbahn sorgt. Insgesamt kamen 561 Menschen durch den Unfall ums leben. Die Ursachen konnten auf Grund der Zerstörung nie vollständig geklärt werden. Es wird vermutet, dass eine chemische Reaktion einer Chemiekalienmischung von Ammonsulfat und Ammonsalpeter beim Entladen eines Tanks die verheerende Explosion verursachte. Bis heute ist das Oppauer Unglück der größte Chemiunfall der Geschichte Deutschlands.

1926:
Am 20. Mai 1928 tritt gegen 16 Uhr aus einem der aus Sennelager nach Hamburg ins Werk der Chemischen Fabrik Stolzenberg verbrachten Kesselwagen Phosgen aus. Das Ventil des entsprechenden Kesselwagens war aus ungeklärten Gründen abgesprungen und das enthaltene Phosgen siedet bei Außentemperaturen von 20°C ab. Der Kesselwagen enthält um die 10.400 Liter Phosgen. Eine Wolke des Giftgases zieht über den Müggenburger Kanal in Richtung Wilhelmsburg. Bis um halb zehn Uhr abends entweicht das Gas und zieht in die Wohngebiete. Insgesamt werden bei diesem Unglück mindestens zehn Menschen getötet, über 300 erkranken.[1] Auch hier sind die Ursachen für das Abspringen des Ventils nicht entgültig geklärt worden. In Frage kommen diverse Varianten: mangelhafte Schweißnähte, Korrosion, eine Überfüllung des Kessels mit Phosgen, eine Zersetzung des Phosgens durch die hohe Außentemperatur oder durch Verunreinigungen mit Wasser oder anderen Substanzen.

1948:
Beim Chemiegiganten BASF in Ludwigshafen kommt es zu schweren Explosionen. Ein Kesselwagen mit Dimethylether hatte sich bei sommerlichen Temparaturen offenbar stark aufgeheizt, bis der Dr4uck im Tank zu groß wurde und er explodierte. In der Umgebung des BASF-Werkes kamen 207 Menschen ums leben und mehrere Tausend wurden verletzt. Die BASF bezifferte den Schaden am Werk auf die damals gigantische Summe von 80 Millionen DM. Desweiteren wurde Schadensersatz in Höhe von 24 Millionen geltend gemacht. [2]

1968:
Im DDR-Chemiekombinat Bitterfeld kommt es zum Austritt des narkotisierenden Gases Vinylchlorid. Mitarbeiter entdeckten ein Leck an einer Autoklave zur PVC-Produktion. Trotz der stark narkotisierenden Wirkung wird das Gas aus dem Behälter in die Umwelt abgelassen. Wenig später kommt es zu einer Explosion bei der 42 Arbeiter sofort sterben. 270 weitere werden verletzt. Das Werk wird großflächig beschädigt und nicht wieder aufegbaut. In der DDR werden daraufhin die Regelungen zum Arbeits- und Brandschutz verschärft.

1974:
Am 1. Juni kommt es im Chemiewerk Flixborough in England zu einer gewaltigen Explosion. Nach Störungen im Werk in den vorangegangenen Wochen trat Cyclohexan aus. In Verbindung mit einem Brand am Unglückstag explodiert in der Frühe des 1. Juni dann eine Gasleitung, gefüllt mit Cyclohexan. Die Wucht von bis zu 45 Tonnen TNT zerstört einen Großteil der umstehenden Gebäude eine giftige Wolke aus Cyclohexan schiesst 100 Meter in die Luft. 28 Menschen sterben, 36 werden verletzt. [3]

1984:
In der indischen Stadt Bhopal kommt es zur größten Chemiekatatrophe aller Zeiten, welche über direkte 3000 Tote fordert. Viele weitere Menschen erkranken schwer. In der Fabrik für das Schädlingsbekämpfunsgmittel Sevin tritt während Wartungsarbeiten Methylisocyanat in großen Mengen aus. Das Gas, welches tödlich wirkt, zieht in die benachbarten Arbeitersiedlungen und überrascht die Bevölkerung im Schlaf. Menschen versuchen sich zu retten, Kinder werden zertrampelt und in den Gassen der Stadt liegen weit verstreut die Leichen von Erstickten. Ursächlich für das Ausweichen des Gases ist eine Raktion von Methylisocyanat mit Wasser, welches bei den Wartungsarbeiten eingesetzt wurde. Beim Zusammentreffen der beiden Stoffe entstand eine exotherme Reaktion, wodurch das Gas austreten konnte. Die Sicherungssysteme waren zur Zeit des Unglücks nicht funktionsfähig oder abgeschaltet. [4] Die Fabrik wurde geschlossen.

2001:
Am 21. September explodiert die Düngemittelfabrik AZF im französisschen Toulouse. Die Explosion von mehreren 100 Tonnen Ammoniumnitrat in einer Deponie zerstörte große Teile der Fabrik und der umliegenden Gebäude. Vom Ausmaß ähnelte der Vorfall dem Oppauer Unglück von 1921, wobei keine ganz so große Anzahl an Menschen getötet wurden. Insgesamt kamen 31 Menschen ums Leben, mehrere Tausend wurden durch die Wucht der Explosion und herabstürzende Trümmer verletzt. Das Unglück fans auf den Tag genau 80 Jahre nach dem Unglück beid er BASF in oppau statt. [5]

2003:
Bei der Gasexplosion von Chuandongbei in China sterben 191 Menschen, mehrere Tausend erleiden schwere Atemwegserkrankungen und Verätzungen, nach dem bei Bohrungen ein Gemisch aus Schwefelwasserstoff und Erdgas ind ie Umgebung entweicht. Aufgrund fehlender Schutzausrüstung verzögern sich die Rettungsmassnahmen, was weiteren Menschen das Leben kostet. Um den Austritt des Gasgemisches einzudämmen wird das Bohrloch zugeschüttet. Auslöser der Explosion waren vermutlich mangelhafte Sicherheitsvorkehrungen. [6]

Zugunglück bei Graniteville 2005, Quelle: US Environmental Protection Agency, gemeinfrei

Zugunglück bei Graniteville 2005, Quelle: US Environmental Protection Agency, gemeinfrei

1950er bis 2000:
In Japan kommt es zur Häufung von Vergiftungserscheinungen in der Umgebung der Stadt Minamata. Die Organe der Betroffenen sind durch hochgiftige Quecksilber-Verbindungen verseucht. Lange ist unklar woher die großen Quecksilbermengen stammen. Eine staatliche Untersuchung ergibt, dass der Chemiekonzern Chisso, der am Ort eine Acetaldehyd-Anlage unterhält, chemische Abfälle im großen Stil ins Meer verklappt, darunter auch hochgiftiges Methylquecksilberiodid. Bis heute wurden durch die Verrseuchung über 17.000 Menschen teilweise schwer geschädigt. Schätzungen zu Folge starben bis zu 3.000 Menschen. [7] Die Minamata-Krankheit ist seitdem an Orten in Japan, China, Kanada und Tansania aufgetreten. Jedesmal war Umweltverschmutzung durch die Betreiber von Chemiefabriken der Auslöser.

2005:
Beim Zusammenprall zweier Güterzüge kommt es nahe der US-amerikanischen Stadt Graniteville zum Austritt von Chlorgas aus Frachtcontainern. Aufgrund einer falsch gestellten Weiche kollidieren die beiden Züge und bei der Explosion eines Tankbehälters kommt es zum Austritt von ca. 82 Tonnen Chlorgas. Es sterben 10 Menschen und mehrere Hundert werden verletzt. [8]

Quellen für diesen Artikel waren u.a.:

[1] http://www.gnt-verlag.de%2Fpub%2F9783928186872-einleitung.pdf
[2] http://www.wiwo.de/technologie/umwelt/kraft-foods-basf-und-co-die-groessten-chemieunfaelle-in-deutschland/7264898.html?slp=false&p=10&a=false#image
[3] http://www.bhopal.com/chronology
[4] http://www.stb07.com/incidents/flixborough-fire-explosion.html
[5] http://www.wsws.org/de/articles/2001/sep2001/toul-s25.shtml
[6] http://de.economypoint.org/g/gas-explosion-chuandongbei.html
[7] http://www.welt.de/wissenschaft/article1273071/Die-verheimlichte-Giftkatastrophe.html
[8] http://www4.nau.edu%2Fitep%2Fwaste%2FHazSubMap%2Fdocs%2FEmPlanning%2FTrainWreckChlorineSpillGranitevilleSC.pdf

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